Wir waren 17 und standen kurz vor dem Abitur, noch ein Jahr Schulzeit lag vor uns. Es waren die letzten großen Ferien und irgendwie stimmte mich das melancholisch. Ich spürte innerlich, dass die sorgenfreie Zeit der Kindheit und der Jugend ihrem absehbaren Ende entgegen schritt. Wir machten parallel zum Abitur eine Berufsausbildung und unsere Berufsschule war einem Großkrafterk angegliedert, das ein Sommerferienlager auf der Insel Usedom für die Schüler der Berufsschule unterhielt. Für einen geringen Obulus durften wir daran teilnehmen.
Drei Wochen der Ferien nutzte ich, um die Kriegskasse zu füllen. Deshalb ging ich in einen Obst und Gemüse verarbeitenden Betrieb malochen. Als der Zeitpunkt der Abreise ins Jugendlager näher rückte, hatte mein Freund die glorreiche Idee, unsere Fahrräder mit zu nehmen. Wir gaben diese bei der Bahn auf und hofften, sie dann auf der Insel vor zu finden. Das sollte dann auch wunderbar klappen und wir waren mobil.
Das Lager bestand aus Zelten. Es gab nur ein festes Holzhaus, wo die Lagerleitung untergebracht war und in dem sich die Küche befand. Leider lag unser Lager nicht am Meer, sonder am Achterwasser, einem Arm des Stettiner Haffs. Zum Baden war das aber ganz ok. Da wir zwei unsere Fahrräder mit hatten, konnten wir jedoch die etwa 10 km quer durch die Insel bis nach Zinnowitz an den Ostseestrand radeln. Dort genossen wir fast täglich Sonne, Strand und Meer. Abends radelten wir dann sonnetrunken und hungrig durch die Usedomer Binnenlandschaft zurück zum Lager. Nie werde ich den Duft der blühenden Rapsfelder (auf Usedom geht die Uhr der Natur etwas nach), vermischt mit einer salzigen Brise vom Meer, vergessen.
Da wir sehr jung und lebenshungrig waren, gingen wir mit den Mädchen der Parallelklasse auch zum Dorftanz. Zum Tanz gingen wir alle gemeinsam, den Rückweg traten wir (normal) in kleineren Gruppen an. Oftmals verbrachten wir die Abende am Lagerfeuer. Es war der Sommer, als die Amis zum Mond flogen. Alle saßen um das Feuer herum und lauschten den Meldungen aus dem Kofferradio. Mich interessierte das weniger, denn als Fan der Rolling Stones wollte ich endlich den angekündigten neuen Titel „Honky Tonk Woman“ hören und so gab es Streit um die Nutzung des einzigen Kofferradios. Ich unterlag.
Dennoch vergesse ich diesen Sommer mit Meer, Sonne, den Gerüchen, den hübschen Mädchen, dem Mondflug und selbstverständlich dem Stones Song wohl nie. Und natürlich unsere Insel – Usedom – nicht.